Stellungnahme von Gay in May e. V. zum Forschungsbericht über Hans Georg Wiedemann
Der Rosa-Courage-Preis wurde Hans Georg Wiedemann im Jahr 1996 für sein damaliges öffentliches Engagement für die gesellschaftliche und kirchliche Anerkennung homosexueller Menschen verliehen.
Mit großer Bestürzung haben wir den nun vorliegenden Forschungsbericht der Hochschule RheinMain zur Kenntnis genommen.¹ Die Studie dokumentiert schwerwiegende Vorwürfe sexualisierter Gewalt und des Machtmissbrauchs gegen Hans Georg Wiedemann und ordnet diese in einen breiteren institutionellen und zeitgeschichtlichen Kontext ein.
Auch wenn die Studie kein strafrechtliches Urteil ersetzt und eine juristische Aufarbeitung aufgrund des Todes Wiedemanns nicht mehr möglich ist, wiegen die dargestellten Befunde schwer. Sie werfen ein neues und tiefgreifend belastendes Licht auf die Person des ehemaligen Preisträgers.
Der Einsatz für die Rechte homosexueller Menschen und der Kampf gegen Diskriminierung dürfen niemals dazu führen, dass Hinweise auf Machtmissbrauch, Grenzverletzungen oder sexualisierte Gewalt relativiert oder ausgeblendet werden. Die Erfahrungen der Betroffenen verdienen Gehör, Anerkennung und Respekt.
Vor diesem Hintergrund sehen wir die Verdienste von Hans Geord Wiedemann heute kritisch und seine Ehrung ist mit den Werten des Rosa-Courage-Preises seit Bekanntwerden der Vorwürfe unvereinbar. Der Bericht verdeutlicht, dass gesellschaftliches Engagement und persönliches Fehlverhalten zugleich Teil derselben Biografie sein können. Auch wichtige politische Verdienste können eine kritische Auseinandersetzung mit schwerwiegenden Vorwürfen nicht ersetzen.
Wir distanzieren uns daher von Hans Georg Wiedemann als Person und stellen klar, dass die im Forschungsbericht beschriebenen Handlungen und Haltungen mit den Grundwerten des Rosa-Courage-Preises unvereinbar sind.
Unser Mitgefühl gilt den Betroffenen. Wir danken allen Menschen, die durch ihre Aussagen und ihre Bereitschaft zur Aufarbeitung dazu beigetragen haben, dass ihre Erfahrungen sichtbar werden konnten. Die Ergebnisse des Berichts verstehen wir als Auftrag, die Perspektive Betroffener ernst zu nehmen und eine Kultur der Verantwortung, Transparenz und des Hinschauens zu stärken.
¹ Die Studie ist hier abrufbar.
1996
Hans Georg Wiedemann
„Ein weiter Weg“
Die nachfolgenden Inhalte spiegeln den Stand zum Zeitpunkt der Preisverleihung im Jahr 1996 wider. Aus Gründen der Transparenz und der lückenlosen Dokumentation der Geschichte des Rosa Courage-Preises bleibt die damalige Biografie als Archivdokument bestehen.
„Wenn kirchliche Erklärungen öffentlich einzelne Menschen oder ganze Menschengruppen diskriminieren, dann ist das nicht nur besonders traurig und empörend, sondern auch unverantwortlich im Blick auf die latent immer vorhandene Gefahr der Mobilisierung aggressiver Vorurteile gegenüber einer Bevölkerungsgruppe.“ So die Anfangsworte eines Leserbriefes von Hans Georg Wiedemann in der „Frankfurter Rundschau“ vom 22.03.1996.
Für seinen unermüdlichen Einsatz in der evangelischen Kirche für die Gleichstellung Homosexueller – Wiedemann engagierte sich u. a. für die Segnung homosexueller Paare – erhielt er den 5. Rosa-Courage-Preis.
Dr. Hans Georg Wiedemann war evangelischer Theologe, Sexualberater und Autor. Nach seinem ersten juristischen Staatsexamen 1961 entschloss er sich für ein Sprach-, Philosophie- und Theologiestudium. Im Anschluss an seine beiden theologisch-kirchlichen Examina 1967 und 1969 folgte bis 1973 seine Promotion in praktischer Theologie.
Neben der Gemeindetätigkeit absolvierte er eine Zusatzausbildung zum Sexualberater, gründete mit anderen die Gruppe „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) und die „Elterngruppe homosexuell liebender Söhne und Töchter“.
Die Neue Osnabrücker Zeitung beschreibt seine Dankesrede wie folgt: „So viele kleine Fortschritte es auch bereits gebe, so weit sei jedoch der Weg, der noch zu gehen bleibe.“
Hans-Georg Wiedemann starb 2015 im Alter von 78 Jahren. Der Kirchenkreis Düsseldorf würdigt den Verstorbenen als Menschen, der „Spuren in den Herzen vieler Menschen
hinterlassen“ hat. „Seinen klugen Geist, seine große Neugier auf alles Menschliche und sein ansteckendes Lachen
werden wir nicht vergessen.“
1936
geboren in Berlin
1973-2001
Gemeindepfarrer der Markus-Kirche in Düsseldorf
1993–2007
Wissenschaftlicher Leiter der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie
2001-2007
ehrenamtlicher Beziehungs- und Lebensberater der evangelischen Beratungsstelle Düsseldorf
2015
gestorben, er hinterlässt eine Frau und vier Kinder